Musik und Klima

Wandel anstiften.

Können Töne etwas ausrichten?

Musik ist bedroht und sie ist Teil des Problems. Kann sie auch Teil von Lösungen sein? Ein Essay von Bernhard König über Al Gore und Aufklärung, Pop und Postwachstumsmusik, utopische Werbejingles und den Klang sterbender Bäume.

Eine abwegige Idee?
Als ich im Frühjahr 2019 begann, zum Thema „Musik und Klima“ zu recherchieren, suchte ich nach Geschichten des Gelingens. Ich hielt Ausschau nach Beispielen, die davon erzählen, dass Musik klima- oder umweltpolitisch tatsächlich etwas zu bewegen vermag – und zwar über die bloße Absichtserklärung oder Schadensbegrenzung (Flugverzicht einzelner Musiker*innen, Wärmedämmung in Konzerthäusern…) hinaus. Doch ich fand keine solchen Beispiele – mit einer einzigen Ausnahme: Im indischen Bundesstaat Tamil Nadu hatte ein Musikvideo (1) in tamilischer Sprache ganz erheblich dazu beigetragen, eine Petition gegen die Zerstörung eines ökologisch bedeutsamen Feuchtgebietes bekannt zu machen und ihr letztlich zum Erfolg zu verhelfen. Ansonsten fand ich bei dieser ersten, noch etwas oberflächlichen Suche zwar viele starke Ideen und Intentionen – anklagende Protestlieder, nachdenkliche Kompositionen, aufrüttelnde musikalische Appelle – aber keinen einzigen Hinweise darauf, dass sie tatsächlich irgend etwas Konkretes bewirkt und auch nur einen einzigen Menschen zum Umdenken bewegt hätten.
Was bedeutete dieses ernüchternde Ergebnis? War der Fokus meiner Suche falsch? Hatte ich etwas übersehen? Oder ist die Vorstellung, Musik könnte irgendeinen nennenswerten Beitrag zur Eindämmung der Erderwärmung leisten, einfach nur naiv und abwegig?

Musik kommt in den Lösungsszenarien nicht vor
Nie zuvor hat die Menschheit vor einer derartigen Aufgabe gestanden: Den bevorstehenden Übergang in ein neues klimatisches Erdzeitalter so weit wie möglich abzudämpfen. Dafür zu sorgen, dass dieser Übergang gestaltbar bleibt. Zu verhindern, dass unsere Spezies ungebremst in das Umkippen der eigenen Lebensgrundlagen hineinrast und unsere Nachkommen einem kollabierenden „System Erde“ ausgeliefert sind.
Ob und wie diese Aufgabe bewältigt werden kann, dazu gibt es keine Erfahrungswerte. Wir alle können nur versuchen, uns Zukünfte auszumalen, nach Lösungen zu suchen, Ideen zu entwickeln. Entsprechend phantasievoll, gründlich und systematisch denken viele kluge Menschen in den unterschiedlichsten Lebensbereiche und Themenfeldern über klima- und umweltbewahrende Lösungswege und Spielräume nach. Im Großen (Energiegewinnung, Mobilitätskonzepte, Landwirtschaft, Stadtentwicklung) ebenso wie im Kleinen (Tauschbörsen, nachbarschaftliche Reparaturwerkstätten, nächtliches Containern gegen die Lebensmittelverschwendung).
Musik kommt in diesem Diskurs bislang nicht vor. In den Lösungsszenarien der Klima- und Sozialforscher*innen wird sie noch nicht einmal am Rande erwähnt. In den Forderungskatalogen und Empfehlungen der Klimabewegung taucht sie nirgendwo auf. Ist ihre Rolle also so marginal, dass sie keiner Erwähnung wert ist? Oder wurde ihr möglicher Beitrag bisher schlicht übersehen?

„Mit Musik die Welt retten?“
Eine ehrliche Antwort kann nur lauten: Wir wissen es nicht. Deshalb lohnt es sich, die Frage zumindest zu stellen. Und sei es auch um den Preis der eigenen Lächerlichkeit. Denn man muss es ja offen zugeben: „Musik gegen den Klimawandel“ (oder, süffisant zugespitzt: „Mit Musik die Welt retten“) – ein solcher Satz klingt wie die Karikatur seiner selbst. Aber genau der gleiche Hauch von vermeintlicher Lächerlichkeit schwang vor noch gar nicht allzu langer Zeit auch dann mit, wenn es hieß: „Mit veganer Ernährung (oder Fahrradfahren oder Regenwürmern) die Welt retten“. Heute sind viele der Überzeugung: Es braucht dies alles und noch viel mehr, um die Zerstörung unserer eigenen Lebensgrundlagen zu bremsen. Nachhaltigkeits- und Klimaforscher*innen, kritische Ökonom*innen und Sozialpsycholog*innen mahnen mit wachsender Dringlichkeit, dass die Bewältigung der Klima- und Umweltkrise einen grundlegenden Kulturwandel erfordere (2). Ihnen zufolge gehört unsere gesamte Lebensweise und Alltagskultur auf den Prüfstand: Unser Wirtschaften, unsere Naturbeziehung, unsere Konzepte von Ernährung und Mobilität.
Wenn aber alles sich fundamental ändern wird und muss, dann wird und muss sich auch die Musik verändern – „by design or by disaster“ (3). Man kann sich von der Zwangsläufigkeit und epochalen Wucht dieser Erkenntnis einschüchtern lassen. Man kann versuchen, tiefgreifendere Änderungen so lange wie möglich abzuwehren und am Vertrauten festzuhalten. Man kann die unausweichliche Notwendigkeit einer Transformation in Richtung Überlebensfähigkeit aber auch als Einladung und Appell zur aktiven Mitgestaltung verstehen und nach möglichen Beiträgen im eigenen Wirkungsfeld suchen.

Trennschärfe und Unvoreingenommenheit
Dabei sind sowohl Trennschärfe als auch Unvoreingenommenheit gefragt. Nicht jede Musik vermag auf jeder Ebene etwas zu bewegen. Es gilt, sehr genau zu unterscheiden: Um welches Problem, welche Fragestellung, welche Haltung zur Klimakrise geht es? Und um welche Art von Musik geht es? Nicht jedes ästhetische Wertesystem passt zu jedem klimapolitischen Lösungspfad. Und auch wenn ein musikalischer Beitrag vor dem Hintergrund eines bestimmten Lösungsszenarios wirkungslos erscheinen mag, kann es immer noch sein, dass er im Kontext eines anderen Lösungsansatzes seinen sinnvollen Platz findet.
Musik hat sich im Lauf ihrer Geschichte zu sehr unterschiedlichen ästhetischen Wertesystemen ausdifferenziert, die teilweise in hartem Widerspruch zueinander stehen. So gibt es beispielsweise gute Gründe, zu fragen, ob Musik überhaupt zu außermusikalischen Zwecken „benutzt“ werden sollte. Und es gibt ebenso gute Gründe, zu fragen, ob diese Frage eigentlich noch zeitgemäß ist.
Als Neuling im klimapolitischen Diskurs fällt mir auf, dass auch dieser von starken inneren Widersprüchen geprägt ist. Besonders deutlich wird diese Spaltung, wenn es um die Rolle des Wirtschaftswachstums geht. Brauchen wir ein „Grünes Wachstum“ und einen „Green New Deal“? Oder müssen sich die reichen Länder des globalen Nordens vom Wachstumskonzept als Ganzes verabschieden?
Der Nachhaltigkeitsforscher und Politiker Reinhard Loske bezeichnet die Unversöhnlichkeit dieser beiden Auffassungen als „Schisma“ (4). Dass er einen Begriff aus der Religionsgeschichte gewählt hat, wird kein Zufall sein: Es sind nicht nur unterschiedliche Modelle oder Argumentationen, die hier aufeinanderprallen, sondern tiefgreifende Glaubensüberzeugungen. Da das zu lösende Problem in der Zukunft angesiedelt ist und wir nicht über historische Referenzbeispiele für seine Bewältigung verfügen, können wir nur glauben, was der richtigere Weg sei. Ich bin kein Ökonom, aber ich war lange genug im interkulturellen und interreligiösen Dialog aktiv, um die normative Verbindlichkeit solcher Überzeugungen einerseits sehr ernst zu nehmen und einem kategorischen „entweder – oder“ andererseits skeptisch gegenüberzustehen. Es leuchtet mir deshalb ein, wenn Reinhard Loske einen dritten Weg empfiehlt: Die unterschiedlichen Nachhaltigkeitsstrategien nicht fundamental gegeneinander auszuspielen, sondern als einander ergänzende Wege zum gleichen Ziel zu verstehen.

Vielgestaltigkeit als Stärke
Genau dies aber gilt auch auf der Ebene der Musik. Den Beitrag, den sie zu leisten vermag, wird man nur dann verstehen und aktiv vorantreiben können, wenn man ihn mit einer gewissen Portion Realismus betrachtet. Und genau dies war es, was ich versäumte, als ich (siehe oben) im Frühjahr 2019 begann, nach Beispielen des Gelingens zu suchen. Mittlerweile weiß ich, worin dabei mein Denkfehler bestand. Ich war durch meine eigenen Denkschablonen darauf geeicht, nach so etwas wie „best practise-Modellen“ zu suchen. Doch zu glauben, ein einzelnes Musikprojekt, eine einzelne Komposition oder ein einzelner Song könnte etwas Substantielles und Messbares verändern, ist magisches Denken. Die Klima- und Umweltkrise ist ein globales und vielgestaltiges Phänomen, dem nur mit globalen und vielgestaltigen Antworten begegnet werden kann. Alle gesellschaftlichen und kulturellen Ressourcen werden gebraucht. Ein guter Zeitpunkt also, um von romantischen Künstler*innenbildern und liebgewonnenen Lagerkämpfen Abstand zu nehmen. Kultur, wie wir sie bisher kannten, ist zur Gänze bedroht – und damit ist auch die Musik als Ganzes bedroht. Wir sollten deshalb anfangen, die innermusikalische Vielfalt selbst als ein schützenswertes Erbe, aber auch als eine gewaltige kulturelle Ressource zu begreifen. Wenn überhaupt, dann wird die „Ressource Musik“ nur in ihrer ganzen Fülle und Vielgestaltigkeit an die Größe und Komplexität der zu bewältigenden Aufgabe heranreichen können.

Musik und Freiheit – ein Querschnittsprojekt des 20. Jahrhunderts
Es wäre nicht das erste Mal, dass Musik genre- und kulturübergreifend dazu beigetragen hat, die Welt zu verändern. Blickt man heute mit ein wenig Abstand auf die Musik des 20. Jahrhunderts zurück, dann wird deutlich, dass auch sie solche übergeordneten und globalen Themen kannte, die sich durch alle Stile und ästhetischen Lager hindurchzogen und bei denen Musik gerade aufgrund ihrer Vielgestaltigkeit etwas zu bewegen und zu verändern vermochte.
Eines dieser Querschnittsthemen war das Thema „Freiheit“. Kaum jemand wird bezweifeln, dass im 20. Jahrhundert eine starke Wechselwirkung zwischen Musik und den verschiedenen Kämpfen um Freiheit, Bürger*innenrechte und Emanzipation bestand. Sänger*innen wie Víctor Jara, Miriam Makeba oder Joan Baez gaben den Freiheitskämpfen ganzer Völker oder Bevölkerungsgruppen eine Stimme. In der „Neue Musik“ Westdeutschlands wurde mit einem entfesselten Materialbegriff experimentiert, im Free Jazz die Bindung an Harmonie und Metrum aufgegeben, im Punk mit drei Akkorden die Rebellion inszeniert. Nicht davon kann für sich alleine beanspruchen, „die Lösung“ geliefert zu haben. Aber das Geflecht aus all diesen musikalischen Strömungen und Stimmen hat dazu beigetragen, die Welt tiefgreifend zu verändern.
Wir Musiker*innen wissen, wie man Menschen bewegt und Energien in ihnen freisetzt. Klimakommunikation, Umweltpädagogik und das Bemühen um nachhaltige Transformation können von dieser Expertise und von diesem Erfindungsreichtum profitieren – einerseits. Andererseits genügt es nicht, allein auf ungezügelte Kreativität zu setzen. Möglicherweise gehört es ja gerade zu der vor uns liegenden Herausforderung, dass die Zeiten vorbei sind, in denen es ein uneingeschränkt positiver Wert war, „Menschen zu bewegen“ und „Energien freizusetzen“.
Deshalb braucht es nicht nur künstlerischen Aktivismus, sondern auch kritische Selbstreflektion und die Bereitschaft, auf die Wissenschaft zu hören. Klima, Umwelt und Nachhaltigkeit gehören dringend ins Zentrum des musikalischen Diskurses. Am besten in Form von solidem interdisziplinärem Teamwork.

Wissensbestände zusammentragen
Dabei muss man im Fall der Musik gar nicht bei Null anfangen. Wer ernsthaft darüber nachdenken möchte, wie man sie für den Klima- und Umweltschutz fruchtbar und wirksam machen könnte, kann an ein reiches Vorwissen anknüpfen. Wie Musik auf Menschen wirkt und wo dabei ihre Stärken und Schwächen, Grenzen und Spielräume liegen, ist auf eine sehr vielfältige Weise gut erforscht. Unsere Musikkultur ist extrem experimentierfreudig und bringt ständig neue Modellprojekte, Vermittlungskonzepte und Versuchsanordnungen hervor: ein riesiges Reservoir an künstlerischem, pädagogischem und prozessualem Erfahrungswissen, flankiert durch einen ebenso großen Reichtum an musikpsychologischer, musiksoziologischer und neuroästhetischer Forschung. Was es nun als nächsten Schritt braucht, ist ein interdisziplinäres Zusammenwirken über die eigenen Fächergrenzen hinaus, das diesen wertvollen Wissensfundus systematisch mit den Erkenntnissen derer abgleicht, die schon seit vielen Jahren darüber nachdenken, wie sich die Erderhitzung verlangsamen oder eindämmen lässt. Mit anderen Worten: Wir dürfen unsere Wissensbestände nicht für uns behalten, sondern müssen sie miteinander teilen und gemeinsam weiterentwickeln. Musik-, Klima- und Umweltexpert*innen (und zwar aus Theorie und Praxis) müssen miteinander ins Gespräch kommen und sich für die jeweils andere Denkweise öffnen. Nur dann werden Töne mehr ausrichten können, als bloß den Soundtrack für die eigenen guten Absichten und aufrechten Gesinnungen zu liefern.
Dabei werden wir Musiker*innen zu lernen haben, dass unser Wertesystem, das auf dem Credo von Freiheit und Expansion fußte, möglicherweise in Teilen veraltet ist. Eine solche Einsicht kann schmerzhaft sein. Sie kann aber auch faszinierende neue Spielräume eröffnen – vorausgesetzt, man lässt sich auf die veränderte Logik unserer Gegenwart ein und ist bereit, eigene Wertmaßstäbe neu zu gewichten.

Drei Lösungsansätze der Nachhaltigkeitsforschung
Um mich dieser Neugewichtung und -bewertung ein wenig anzunähern, möchte ich im Folgenden versuchen, meine Überlegungen an einer von außen vorgegebenen Struktur zu festzumachen. Die Nachhaltigkeitsforschung unterscheidet zwischen drei Lösungswegen, die als „Effizienz“, „Konsistenz“ und „Suffizienz“ bezeichnet werden. Statt mich, wie sonst, an meinen vertrauten ästhetischen oder berufspraktischen Denkstrukturen zu orientieren, möchte ich versuchen, ausgehend von diesen drei Lösungsansätzen neu auf die Musik zu blicken und möglichst differenziert danach zu fragen, welche Rolle sie innerhalb dieser unterschiedlichen Lösungsszenarien spielen könnte. Dafür bedarf es zunächst einer kurzen Begriffsklärung.
Am bekanntesten dürfte das Konzept der Effizienz sein, das darauf zielt, für die gleiche Leistung weniger Energie aufzubringen: Ein effizienteres Auto verursacht für die gleich Strecke weniger Schadstoffbelastung und verbrennt weniger Sprit, als ein ineffizientes.
Als konsistent werden Technologien bezeichnet, die eine möglichst enge Symbiose mit der Natur eingehen. Das perfekte konsistente Fortbewegungsmittel würde nicht nur ausschließlich mit regenerativer Energie fahren – auch seine Herstellung würde die Natur nicht belasten und es ließe sich, wenn es ausgedient hätte, zu hundert Prozent recyclen oder kompostieren.
Das Prinzip der Suffizienz fragt nach maßvollen Lebensweisen, die ohne eine Übernutzung natürlicher Ressourcen auskommen. Um beim Auto-Beispiel zu bleiben (5): Suffizienz zielt nicht auf die Erfindung neuer, besserer Autos, sondern sie fragt danach, welche übergeordneten Bedürfnisse und Zwänge sich in unserer Mobilitätskultur ausdrücken. Die Antwort auf diese Frage könnte beispielsweise lauten: Wir brauchen diese Art von Mobilität, weil sie uns Freiheit ermöglicht und weil wir ohne sie in unserem wachstumsorientierten Wirtschaftssystem nicht konkurrenzfähig wären. Suffizienz würde in diesem Fall bedeuten, auf ein Gesellschaftssystem hinzuarbeiten, in dem sich individuelle Freiheit und gesellschaftliche Teilhabe auch ohne eine Gefährdung unserer Lebensgrundlagen durch klimaschädliche Mobilität erreichen lassen.

Grünes Wachstum und musikalische Breitenwirkung
Das Konzept der Effizienz lässt sich gut mit der Idee eines „grünen“ Wirtschaftswachstums verbinden und spielt deshalb im Mainstream der gegenwärtigen Klimapolitik eine wichtige Rolle. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie den größten Teil der Verantwortung an Wirtschaft, Politik und die Ingenieur*innen delegiert. Klimaschutz, wie die politischen Parteien ihn verstehen, braucht vor allem technischen Fortschritt und politische Lenkung. Der oder die Einzelne kann demgegenüber verhältnismäßig wenig ausrichten (6) .
Dennoch sind auch die technologischen und politischen Lösungswege keine Selbstläufer. Auch sie brauchen Menschen, denen der Klimaschutz ein hinreichend wichtiges Anliegen ist, um Druck auf die Politik zu machen, die „richtigen“ Konsumentscheidungen zu treffen und die „richtigen“ Parteien zu wählen. Mit anderen Worten: In einem demokratischen System braucht die Durchsetzung grüner Politik und grüner Technologien die Macht der Vielen.
Dass Musik wirkmächtig genug sein kann, um Märkte zu verändern und Wahlen zu beeinflussen, hat die US-amerikanische Popmusik des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die von ihr transportierte Freiheitsbotschaft hat – siehe oben – rund um den Globus das Lebensgefühl und das individuelle Verhalten einer ganzen Generation geprägt. Dem Klima und der Umwelt hat dieses entfesselte Freiheitsgefühl zwar nicht unbedingt gut getan. Doch es hat gezeigt: Musik vermag auf sehr vielfältige und vielschichtige Weise die Menschen zu bewegen. Eine ganze Reihe von Akteur*innen aus der Popmusik hat dies erkannt und damit begonnen, die eigene Beliebtheit und Popularität in die Waagschale zu werfen und ihre Auftritte mit einer klima- und umweltpolitischen Message zu verknüpfen.
Ein zweiter Ansatz, der ebenfalls auf eine potentiell hohe Breitenwirkung zielt, ist die Emotionalisierung politischer Aussagen mit musikalischen Mitteln. Anders als die Vorbildfunktion prominenter Musiker*innen ist diese Strategie nicht zwingend auf eigene Bekanntheit und öffentliche Sichtbarkeit angewiesen. Aus der Film- und Werbebranche wissen wir, dass Musik aus dem Verborgenen heraus mitunter noch stärker auf die Affekte zu wirken vermag, als dort, wo sie bewusst wahrgenommen wird.

Das Beispiel Al Gore
Wie schlagkräftig die beiden Ansätze „Popularität“ und „emotionale Wirkung“ für den Klimaschutz eingesetzt werden können, haben in den Nuller Jahren verschiedene Aktivitäten rund um den Nobelpreisträger und US-amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore gezeigt. Als Unternehmer, Politiker und charismatischer Klima-Lobbyist steht Gore entschieden für ein „grünes Wachstum“, das vor allem auf digitale Innovation setzt und für das wir seinen Worten zufolge „nicht einmal unseren Lebensstil verändern (müssen). Der Trick besteht einfach darin, Energie effizienter zu nutzen“ (7).
2007 übernahm Al Gore die Schirmherrschaft für ein Festival, das alle Rekorde brach. Live Earth erreichte ein globales Milliardenpublikum mit 150 weltweit gesendeten und gestreamten Konzerten an elf internationalen Schauplätzen – in den Worten Al Gores das „größte globale Entertainment-Event der Geschichte“ (8). Live Earth-Produzent Kevin Wall brachte die Zielsetzung auf den Punkt, indem er in einem Werbetext die Überzeugung äußerte, „dass Musik die Macht hat, Menschen zu beeinflussen“.
Genau dies versuchen auf einer sehr viel verborgeneren Ebene auch die Soundtracks zweier Dokumentarfilme, die Al Gore bei seinen Aktivitäten gegen die globale Erwärmung begleiten. An Inconvenient Truth (Eine unbequeme Wahrheit) von 2006 zählt zu den kommerziell erfolgreichsten Dokumentarfilmen aller Zeiten und hat in Sachen Klimabewusstsein viel bewegt. Michael Brooks Musik zu diesem Film baut auf zurückhaltende atmosphärische Klangflächen, während Jeff Beals Komposition zur Fortsetzung von 2017 ( An Inconvenient Sequel: Truth to Power) stärker dramatisiert. Beide Soundtracks entsprechen damit auf unterschiedliche Weise den Konventionen einer „unhörbaren“ Filmmusik, die sich unterstützend dem filmischen Geschehen anschmiegt und ganz in den Dienst der zu erzählenden Botschaft stellt.

Potentiale radikal ausschöpfen
Al Gore hat mit seinen Aktivitäten viel bewegt und viele erreicht. Dies zu würdigen, bedeutet nicht, dass mein eigenes Musikerherz in diese Richtung schlüge. Als Komponist wurde ich in einem Umfeld sozialisiert, das die unbewusste Affektsteuerung durch Werbe- und Filmmusik äußerst kritisch betrachtet. Dennoch – oder gerade deswegen – muss ich einräumen: Sie funktioniert. Eine experimentierfreudige und künstlerisch anspruchsvolle Filmmusik hätte Al Gores Dokumentarfilmen nicht gut getan. Für ihre suggestive Wirkung war das solide Handwerk der beiden Hollywood-Kollegen genau richtig.
Dennoch bin ich der Überzeugung, dass das Potential populärer und emotionalisierender Musik damit bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Für die Mehrzahl der damals beteiligten Musiker*innen dürfte der Klimaschutz ein Thema und eine Karrierestation von vielen geblieben sein. Umso spannender wäre die Frage: Wie könnte eine rundum glaubwürdige klima- und umweltbewusste Popkultur aussehen? Ist eine Musikindustrie vorstellbar, die klimaschädliches Verhalten ähnlich konsequent ächtet, wie es sich in den letzten Jahren bei sexuellen Übergriffen oder rassistischen Beleidigungen abzuzeichnen beginnt?
Und welche Spielräume sind in der Werbe- und Filmmusik denkbar? Ein Gedankenspiel: Zwischen 2003 und 2014 hat die Europäische Union in mehreren Schritten ein einzigartiges ästhetisches Experiment in Gang gesetzt, indem sie die Zigarettenindustrie darauf verpflichtete, warnende Botschaften und abschreckende Fotos auf ihren Produkten zu platzieren. Meine persönliche Lieblingsutopie in Sachen „manipulativer Musik“ wäre ein Gesetz, das dieses Vorbild aufgreift und es auf den Klima- und Artenschutz sowie auf die akustisch-musikalische Ebene überträgt. Eine EU-Richtlinie könnte die Werbeindustrie dazu verpflichten, die verheerenden Folgen fossilen Energieverbrauchs und fortschreitender Naturzerstörung musikalisch einzupreisen. Kein Werbespot für Kreuzfahrtreisen oder SUVs ohne unterschwellig abschreckende Musik. Kein Billigfleisch ohne brechreizerregenden Jingle. Und bis die Politik so weit ist, könnte die Werbe- und Filmmusikindustrie mit gutem Beispiel vorangehen und eine Selbstverpflichtungen zum Vertonungsboykott klimaschädlicher Botschaften aussprechen.
Okay, okay – ich rechne nicht wirklich damit, dass dieser Vorschlag in Bälde in die Realität umgesetzt wird. Aber vielleicht kann mein kleines, nicht ganz ernst gemeintes Beispiel dazu anregen, in allen Bereichen der Musik mit noch viel mehr Mut und Radikalität darüber nachzudenken, ob und wie unsere Kunst oder unser Handwerk Teil von Lösungsstrategien werden kann. Ob Popkultur in der Lage sein wird, sich an dieser Stelle aus eigener Kraft und von innen heraus neu zu erfinden, vermag ich nicht einzuschätzen. Möglicherweise braucht sie hier und da Impulse von außen – ähnlich wie einst durch die musikalischen Pionierleistungen eines Karlheinz Stockhausen, dessen elektronische Experimente viele Popmusiker*innen von den Beatles über Frank Zappa und Kraftwerk bis Björk nachhaltig beeindruckten und prägten. Und spätestens hier kommen jene Bereiche des Musiklebens ins Spiel, die stärker auf Zwischentöne setzen, als auf große Reichweiten und hohe Popularität.

Musik als Medium von Aufklärung
Klimaschutz braucht nicht nur Mobilisierung und Emotionalisierung. Klimaschutz braucht auch Aufklärung. In besonderem Maße gilt das für den Lösungsansatz der Konsistenz. Mehr noch als die Effizienz ist er auf aktive Kooperation und Mitwirkung angewiesen. Damit er funktioniert, müssen Produktionsprozesse, Konsumverhalten und Entsorgung ineinandergreifen. Das ausgeklügelste Recyclingkonzept läuft ins Leere, wenn die Verbraucher*innen ihre Dosen oder Batterien wegwerfen, anstatt sie sachgerecht zu entsorgen (9). Die flächendeckende Versorgung mit regenerativen Energien bleibt schwierig, wenn allerorten Sturm gegen Windräder gelaufen wird. Umgekehrt bringt eine noch so große Bereitschaft zur individuellen Mülltrennung oder zur eigenen Photovoltaikanlage auf dem Dach wenig, wenn Handel, Wirtschaft oder Politik nicht mitziehen.
Aufklärung ist deshalb auf vielen unterschiedlichen Ebenen nötig. Im Kleinen, Alltäglichen, wo es gilt, Alltagsroutinen zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern. Und im Großen und Grundsätzlichen, weil wir alle lernen müssen, eine Politik der nationalen Einzelinteressen, eine Ökonomie der Zukunftsvergessenheit und eine Kultur des folgenlosen Verbrauchs und Verschleißes durch ein zyklisches, evolutionäres und organisches Denken zu ersetzen und unsere „Externalisierungsgesellschaft“ (10) in eine tiefgreifend solidarische Gesellschaft umzubauen, in der der Natur, unseren eigenen Nachfahren und den ausgebeuteten Völkern von heute und gestern das gleiche Existenzrecht zugesprochen wird, wie uns Reichen und Privilegierten.

Unsere heutige Beziehung zur Natur und zur Zukunft wurde zu großen Teilen in einer Epoche geprägt, deren Name identisch mit dem ist, worum es hier geht: In der Zeit der Aufklärung. In ihrem Bericht zum fünfzigjährigen Bestehen des Club of Rome weisen Ernst Ulrich von Weizsäcker und seine Mitautor*innen darauf hin, dass diese historische Aufklärung von einer „leeren Welt“ ausgehen konnte, in der „die Fülle an natürlichen Ressourcen auf dieser Erde endlos schien“ (11). In der „vollen Welt“ unserer Gegenwart wird die Balance zwischen Mensch und Natur zu einer riesigen Herausforderung: „Die verbliebenen Tiere, Pflanzen, Landschaften, Gewässer und Mineralien einfach als Ressource für eine weiter wachsende Bevölkerung und die Erfüllung immer weiter steigender Konsumwünsche anzusehen, ist keine Balance, sondern Zerstörung!“ (12). Die Vordenker*innen des Club of Rome fordern deshalb nicht weniger als eine „neue Aufklärung“ im epochal-historischen Sinne.
Nicht nur unser Bild von der Natur wurde von der Aufklärung geprägt. Auch unsere europäisch-klassische Konzertkultur stammt aus dieser Zeit. Musik war im 18. Jahrhundert ein wirkmächtiges Instrument der Verbreitung, Etablierung und Ausgestaltung aufklärerischen Gedankenguts. Die „neue Aufklärung“ des 21. Jahrhunderts wird sich ihre eigenen Medien und Verbreitungswege suchen; der klassische Konzertsaal wird darin sicher nur noch eine marginale Rolle spielen. Dennoch sollte das Potential der Konzertkultur als ein zumindest kleiner, neu-aufklärerischer Puzzlestein nicht zu gering geschätzt werden. Eine ihrer besonderen Stärken: Sie kann an eine 250jährige Tradition des konzentrierten Zuhörens anknüpfen. Diese zugewandte Rezeptionshaltung ermöglicht besonders vielschichtige Formen der Versinnlichung abstrakter Sachverhalte.
Lil Dicky oder Michael Jackson erzielten mit ihren Umweltsongs gewaltige Reichweiten (13) . Aber sie dürften damit nicht annähernd so viel Nachdenklichkeit ausgelöst haben, wie beispielsweise der Dokumentarfilmer Jan Haft oder der Romancier Richard Powers (14) , wenn sie sich in Text und Bild faktenreich für ein tieferes, empathisches Verständnis der Bäume und des Ökosystems Wald einsetzen.
Wenn der Klangkünstler Marcus Maeder den Trockenstress verdurstender Bäume akustisch hörbar macht oder das Opernhaus in Barcelona ein wunderbar poetisches „Kammerkonzert vor ausverkauftem Haus“ inszeniert (15) , dann kann Musik vielleicht einen winzigen Beitrag zu dem leisten, was der Club of Rome als „neue Aufklärung“ bezeichnet.

Wissen, Handeln und Glaubwürdigkeit
In den letzten Jahren wird immer deutlicher: Auch Aufklärung allein genügt nicht. Das Kernproblem der Klimakrise ist nicht fehlenden Wissen, sondern die gewaltige Lücke zwischen Wissen und Handeln. Allen Erkenntnissen und technologischen Fortsschritten zum Trotz wächst der globale Energieverbrauch stetig weiter. Dadurch rücken auf der Suche nach Lösungswegen Fragen in den Vordergrund, die eher sozialpsychologischer als technologischer Natur sind: Wie funktioniert handlungsleitende Motivation? Wie lassen sich Menschen zu Verhaltensänderungen bewegen? Wie können Verzicht und Mäßigung in einer Konsumgesellschaft von ihrem negativen Image befreit werden?
Offenbar braucht es nicht nur Mahnungen und Warnungen, sondern auch Vorbilder und positive Gegenentwürfe. Wer hingegen Änderungen einfordert, ohne selber danach zu handeln, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem und schwächt die Überzeugungskraft der eigenen Argumente.
Mit der Berichterstattung rund um Al Gores Live Earth-Festival erreichte der Vorwurf der fehlenden Konsequenz 2007 erstmals auch die Musikwelt. Einige Medien rechneten damals vor, wie hoch die Treibhausgas-Belastung durch das Riesen-Event war und legten den Finger in die Wunde des Widerspruchs zwischen einer klimapolitischen Botschaft und ihrer energieintensiven Verbreitung (16) .
Während die Klassikbranche von der damaligen Diskussion noch weitgehend unberührt blieb, reagierte die Pop- und Entertainmentbranche schnell. 2008 wurde nach dem Vorbild der britischen NGO Julie’s Bicycle in Deutschland die Green Music Initiative gegründet, die sich seither für eine CO2-Reduktion in der kommerziellen Musikindustrie einsetzt. Seit einigen Jahren beginnt auch der klassische Sektor nachzuziehen, sich kritisch mit den eigenen Energiebilanzen auseinanderzusetzen und Schadensbegrenzung in Form von CO2-Kompensation und Wärmedämmung zu betreiben. Aber genügt das?

Ich bin alles andere als ein Pop-Experte. Aber mir scheint, dass die Popmusik des 20. Jahrhunderts einen großen Teil ihrer durchschlagenden Wirkung aus einer hohen Übereinstimmung von Lebensgefühl, musikalischen Ausdrucksformen und künstlerischer Selbstinzenierung bezog. In Rock, Beat, Punk, Reggae oder Heavy Metal wurden die Werte, Sehnsüchte, Hoffnungen und Ziele der jeweiligen Generation zu Klang. In der Regel begnügten sich die Protagonist*innen dieser Genres nicht mit faulen Kompromissen, sondern lebten und verkörperten jene Emotionen und Überzeugungen, von denen ihre Musik erzählte. Und auch in der musikalischen Avantgarde war Halbherzigkeit verpönt. Wer in den 1950er oder 60er Jahren zum inner circle der „Neuen-Musik“ zählen wollte, durfte in seine Musik keine Gefälligkeiten für und ans Publikum einbauen, keine Ausflüge in die U-Musik unternehmen oder sich auf andere Weise „affirmativ“ verhalten – andernfalls war man schnell außen vor.
Aus heutiger Sicht mögen viele der damaligen, hochgesteckten Selbstansprüche antiquiert wirken. Aber vielleicht trug gerade diese Mischung aus teils massentauglicher, teils elitärer Kompromisslosigkeit entscheidend dazu bei, das große musikalische Freiheitsprojekt des 20. Jahrhunderts so erfolgreich zu machen? In Sachen „Klima und Umwelt“ ist in der Musikwelt von einer vergleichbaren Bereitschaft zum radikalen Wertewandel und zur kompromisslos gelebten Überzeugung derzeit noch wenig zu spüren.
Im klassischen Konzertsaal kommt noch etwas weiteres hinzu. Gerade jene Mechanismen der inneren Distanzierung und folgenlosen Zustimmung, die in der Klimakommunikation immer wieder dazu führen, dass gutes Informiertsein in der Regel nicht zu einem rundum konsequenten Handeln führt, sind in der klassischen Konzertkultur ein fester Bestandteil des identitätsstiftenden Rituals (17). Engagierte Kunst mit politischem Mehrwert und aufrüttelnder Botschaft wird vom Publikum durchaus geschätzt. Doch gerade das gebildete und kulturaffine Publikum der Philharmonien und Opernhäusern ist geübt darin, seine Bereitschaft zur ästhetischen Irritation und zum musikalischen Berührtsein vollständig von irgendwelchen Konsequenzen für das eigene Alltagshandeln zu entkoppeln. Und so lässt sich nie ganz ausschließen, dass die angestrebte Aufklärung mit den Mitteln der Kunst eigenes Handeln eher ersetzt, statt zum eigenen Handeln anzustiften.

Dissonanz der Wertesysteme
Mit künstlerischen Mitteln die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zu reflektieren oder einen Popsong über die Liebe zur Natur zu schreiben, dürfte deshalb, für sich genommen, in der Regel wohl eher nicht zu einem Umdenken oder einer Verhaltensänderung beim Publikum führen. Genauso wenig wird es automatisch zu mehr struktureller Nachhaltigkeit innerhalb (oder gar außerhalb) einer Musikinstitution führen, wenn sie hin und wieder das Thema „Nachhaltigkeit“ auf den Spielplan setzt. In Einzelfällen mag die musikalische Emotionalisierung dazu beitragen, einen ohnehin schon vorhandenen Bewusstseinswandel beim Publikum zusätzlich zu verstärken. Seitens der Künstlerinnen und Künstler mag sich in der Themensetzung ein echtes Bedürfnis nach Relevanz und Gegenwartsbezug, eine echte Betroffenheit und Empörung ausdrücken. Aber so lange sie Teil einer Betriebsroutine bleibt, die sich zyklisch neue „spannende“ Themen setzt und dabei im Kern weiterhin auf Bestandswahrung oder gar Expansion ausgerichtet bleibt, wird sie das, von dem sie erzählt, nicht einlösen.
Aus einer binnenkünstlerischen Sicht kann dies den entsprechenden Konzepten und Kompositionen nicht zum Vorwurf gemacht werden. Wertekonflikte sind, wenn es um „klimapolitische Kunst“ geht, geradezu vorprogrammiert. Schon alleine der bloße Anspruch, sich für eine gesamtgesellschaftliche Zielsetzung wie den Klimaschutz „nützlich zu machen“, wird – vor allem dort, wo er von außen an die Kultur herangetragen wird – zu Recht als Bedrohung der künstlerischen Autonomie empfunden. Beginnt man dann auch noch, sich ernsthaft mit der Thematik auseinanderzusetzen, dann sieht man sich zusätzlich mit gravierenden Verzichtsforderungen und Appellen zur Verhaltensänderung konfrontiert. Und so gerät, wer sich mit musikalisch-künstlerischen Mitteln für Nachhaltigkeit und Klimaschutz engagieren will, fast zwangsläufig in die unbequeme Lage einer Dissonanz unterschiedlicher Werte- und Bezugssysteme: Geht es primär um die außermusikalische Zielsetzung (Protest, Mobilisierung, CO2-Reduktion)? Oder sollen künstlerische Originalität, Qualität und Relevanz an erster Stelle stehen? Und wie weitgehend darf Musik sich dann überhaupt für außermusikalische Zwecke funktionalisieren lassen?
Die künstlerische Freiheit des Konzertsaals und der Musiker*innen musste im Lauf der Musikgeschichte hart erkämpft werden und wird weltweit immer wieder durch starke Gegenkräfte gefährdet. Vielen Musikschaffenden gilt sie deshalb als ein zu hoher Wert, um ihn irgendwelchen anderen gesellschaftspolitischen Anliegen unterzuordnen – und seien diese Anliegen noch so wichtig und richtig.
Es ist also aus autonomieästhetischer Sicht durchaus nachvollziehbar, dass gerade der klassische Musikbetrieb sich beim Thema „Nachhaltigkeit und Klima“ bislang eher zurückgehalten hat.
Macht man hingegen die Dringlichkeit zum Maßstab, mit der Teile der Wissenschaft einen grundlegenden Paradigmenwechsel in unser aller Handeln und Verhalten einfordert, dann erscheint dieses Beharren auf dem eigenen künstlerischen Wertefundament wie ein Spiegelbild jener Zaghaftigkeit, die der Politik gerne zum Vorwurf gemacht wird, wenn es um den Klimaschutz geht. Und damit wären wir beim dritten der drei genannten Lösungswege: Bei der Suffizienz.

Postwachstumsmusik?
„Nachhaltig“ war Musik nie. Es ist ein zentraler Teil ihres Wesens, flüchtig zu sein. Wo musiziert wird, entstehen kurze, verdichtete Momente der Resonanz. Mit dem letzten Ton sind sie wieder vorbei. Um nachhaltig (im Sinne von „bleibend“, „andauernd“) zu werden, bedarf Musik der Fixierung, Institutionalisierung oder Dokumentation – und verliert genau dadurch ihre einzigartige Nachhaltigkeit im ökologischen Sinn. Denn gerade in ihrer flüchtigsten Form, im gemeinsamen Singen oder Musizieren, ist sie unschlagbar umweltfreundlich und ressourcenschonend: Eine hundertprozentig emissionsfreie „Primärenergie“. Ein „Lebensmittel“ und „Luxusgut“, das im Unterschied zu Fleischkonsum und Flugreisen nicht die Atmosphäre belastet.
Miteinander singen? Unverstärkt musizieren? Für viele klingt das fürchterlich altbacken und rückständig. Und genau deshalb ist es in unserer Welt des Überkonsums keine Trivialität mehr, darauf hinzuweisen, dass es Zeiten gab, in denen Musik tatsächlich existieren konnte, ohne dass dafür Strom verbraucht werden musste. Für die meisten Bewohner*innen der reichen Industrieländer ist diese Ära einer flüchtigen und unverfügbaren Musik sehr weit weg – „gefühlt“ viel weiter weg als die Musik Mozarts und Beethovens, die ja, wann immer man will, aus dem Lautsprecher kommt. Doch tatsächlich haben wir erst vor wenigen Jahrzehnten damit begonnen, uns alltags mit Musik aus der Steckdose zu umhüllen und wochenends zu Konzerten in anderen Städten zu reisen. Bei beidem aber blenden wir aus, dass wir uns diese permanente Verfügbarkeit professionell produzierter Musik – einst ein Privileg der Fürsten und Könige, heute eine Selbstverständlichkeit für fast drei Milliarden Smartphonebesitzer – mit Bergen an Elektroschrott und immensen Energiekosten erkaufen.
Es sind nicht die tourenden Orchester oder Bands, die in der Musikwelt den größten Klimaschaden anrichten. Es ist der massenhafte, individualisierte Musikkonsum. Als die britische NGO Julie’s Bicycle 2007 die Emission von Treibhausgasen in der britischen Musikwirtschaft untersuchen ließ, stellte sie fest: Der mit Abstand größte Anteil geht auf das Konto der Publikumsmobilität (18). Und 2019 belegte der Musikwissenschaftler Kyle Devine auf Grundlage akribischer Recherchen, dass die Konservierung von Musik zwar bereits zu Schellack- und CD-Zeiten enorm umweltschädlich gewesen war – dass aber speziell die Klimabelastung durch den Übergang von physischen Tonträgern zu Streamingdiensten noch einmal erheblich zugenommen hat (19).

Nachhaltig flüchtig
Muss die Devise also heißen: „Mit Musikverzicht die Welt retten?“ Blockflöte statt Spotify? Chorsingen gegen den Klimawandel?
Isoliert betrachtet klingt das erneut ziemlich weltfremd. Aber wie schon gesagt: Die Erderwärmung mit Hafermilch und Grünkern-Bratlingen stoppen zu wollen, klang vor wenigen Jahren in vieler Ohren ähnlich verschroben. Zu einem Politikum wurde diese andere Ernährungsweise erst, als sie sich für eine wachsende Zahl von Menschen mit anderen Puzzlesteinen einer nachhaltigeren Lebensweise und eines aufgeklärten Umweltbewusstseins zu verknüpfen begann und so zu einer gut begründeten kulturellen Übereinkunft wurde. Heute findet man Hafermilch in jedem Supermarktregal und die Reduzierung des globalen Fleischkonsums in jedem Forderungskatalog zur Eindämmung der Klimakrise.
Auch eine „andere“, klima- und umweltschonendere Musikkultur wird erst dann zu einem ernsthaften Beitrag für mehr Nachhaltigkeit werden können, wenn sie ähnlich gut erkennbar und ähnlich gut begründet in ein anderes Naturverhältnis, ein anderes Wirtschaften und ein anderes Wertesystem eingebunden ist. Es geht also nicht darum, nun als einen weiteren Ausdruck von individueller Öko-Askese auch noch auf den Konzertbesuch im Nachbarort zu verzichten. Sondern darum, dass Musikkultur zu einer aktiven Triebkraft von Mobilitätsreduzierung und Regionalisierung werden kann, wenn es ihr gelingt, das Publikum anstatt zum Reisen zum dauerhaften Verweilen anzustiften (20).
Es geht nicht darum, jenen kaum messbaren Anteil an Treibhausgasen zu reduzieren, den der oder die Einzelne beim Streamen eines Musikvideos emmitiert. Sondern darum, dass unsere Musikkultur als Ganzes sich das Ziel setzen müsste, die materialintensive Speicherung und Institutionalisierung ihrer selbst schrittweise abzubauen und durch regionales Empowerment und eine intensivierte Einladung zur Partizipation und kulturellen Selbstversorgung zu ersetzen. Zukunftsfähige Musik braucht Strukturen, in denen sie nicht mehr nach Verdinglichung und Expansion strebt, sondern nachhaltig flüchtig sein kann.

Unerreichbar und wirkungslos?
Aus heutiger Sicht erscheint dies alles unerreichbar fern. Musik kommt in den Diskussionen um Klimagerechtigkeit nicht vor. Niemand stößt sich daran, dass sämtliche jemals eingespielte Musik unter permanenter Energiezufuhr auf riesigen Serverfarmen vor sich hinköchelt, damit all diejenigen, die es sich leisten können, sie zu jedem Zeitpunkt an nahezu jedem Ort der Welt abrufen können. Niemand findet es verwunderlich, dass binnen einer einzigen Generation mehr fossile Energie für die Produktion und Rezeption von Musik verbrannt wurde (Tendenz: steigend), als in der gesamten Musikgeschichte zuvor – von den ersten Steinzeitflöten bis zu den Beatles.
Und sollte dieses Thema eines Tages tatsächlich auf die öffentliche Agenda geraten, dann dürfte die Kluft zwischen Wissen und Handeln hier mindestens so groß sein, wie beim Thema „Flugverzicht“. Allerdings mit dem erschwerenden Unterschied, dass der messbare Einsparungseffekt auf individueller Ebene deutlich geringer wäre, als beim Fliegen – wodurch die Forderung, Verzicht zu üben, zu einer noch größeren Zumutung würde.
Hinzu kommt: Wer als Musiker*in ernst macht mit Regionalität und Reduktion, läuft Gefahr, sich selbst zu marginalisieren. Die vorherrschenden Wertmaßstäbe des Kulturbetriebs setzen „Provinzialität“ mit Irrelevanz gleich. Prominenz und überregionale Ausstrahlung lässt sich mit einer „Postwachstumsmusik“ nicht erreichen – was wiederum dazu führt, dass auch die dahinterstehende Idee unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung bleibt.
Dies alles spricht auf den ersten Blick gegen Suffizienz in der Musik. Und doch ist sie wichtig: Als eine Handlungsoption von mehreren und als einer von vielen Bausteinen des Wandels.

Bausteine einer transformativen Ästhetik
Den Wandel beginnen und sich auf den Weg machen – das kann und muss man von vielen unterschiedlichen Orten aus. Ihre Kraft werden diese vielen Aufbrüche nicht allein aus sich selbst heraus entfalten, sondern durch wechselseitige Befruchtung und Unterstützung. Transformation braucht populäre, massentaugliche Formen, die dazu geeignet sind, viele mitzureißen und anzustecken. Sie braucht neue Formen des klingenden Diskurses und der Veranschaulichung abstrakter Sachverhalte – so wie einst die bürgerliche Konzertkultur die Werte der Aufklärung oder die emanzipatorischen Diskurse des 20. Jahrhunderts in musikalische Formen übersetzte. Transformation braucht aber auch kleine, experimentelle Labore des Reduktiven, in denen ästhetische Grundlagenforschung betrieben wird – so wie es im 20. Jahrhundert die Pionier*innen der „Neuen Musik“ auf der Ebene der Klangerzeugung und der innermusikalischen Formen taten. Sie braucht auf lokaler Ebene möglichst viel und möglichst engmaschige musikalische Selbstermächtigung und Selbstversorgung, die möglichst wenig auf Energiezufuhr und Mobilität angewiesen ist. Und sie braucht einfallsreiche und regional passgenaue Formen des musikalischen Protestes – so wie das eingangs erwähnte tamilische Musikvideo, das seine durchschlagende Wirkung einer Mischung aus konkretem Ortsbezug, musikalischem Traditionsbewusstsein und kultureller Provokation verdankte (21).

Meine eigene Antwort auf die Frage, ob und wie sich der Lösungsweg der Suffizienz sinnvoll in die Musik übertragen lässt, fällt deshalb zweigeteilt aus. Einerseits erscheint es mir bitter nötig, suffiziente Strukturen in der Musik zu bewahren, zu pflegen und weiterzuentwickeln. Historisch und global gesehen waren und sind sie der Normalfall. Doch durch Globalisierung, Digitalisierung und jetzt auch noch durch die Coronakrise ist das Musizieren im analogen und regionalen “Hier und Jetzt” spürbar unter Druck geraten (22) und hat, was vielleicht noch schlimmer ist, mit einem negativen Image von verstaubter Rückständigkeit zu kämpfen.
Andererseits halte ich es für wenig zielführend, Suffizienz in der Musikkultur (ähnlich wie in der Mobilität oder Ernährung) zu einer politischen Forderung zu machen. Eine „Postwachstumsmusik“ lässt sich nicht verordnen und überstülpen. Sie kann nur durch schrittweisen Wandel entstehen, der auf erkennbare Weise in den Kontext der gesamtgesellschaftlichen Transformation eingebettet ist.
Sehr viel sinnvoller scheint es mir deshalb zu sein, Suffizienz in der Musik als einen Kompass zu verstehen und sich einfach selber auf den Weg zu machen. Als Ziel mag sie unerreichbar fern sein. Dieses Ziel anzustreben und zu versuchen, andere auf diesem Weg mitzunehmen, ist aber in jedem Fall besser, als im alten Expansiven und Digitalen zu verharren. Denn unterwegs wird Musik entstehen, die ein Resultat lebendiger und resonanzreicher Begegnungen ist. Und letztlich wird das beste und überzeugendste Argument für den Wandel um den es hier geht – weg von einer klima- und umweltschädlichen hin zu einer „nachhaltig flüchtigen“ Musikkultur – die Erlebnisqualität, Tiefe und Schönheit dieser musikalischen Begegnungen sein.

Fußnoten

1) Chennai Poromboke Paadal mit dem Raga-Musiker T.M.Krishna. (zurück)

2) So setzt sich beispielsweise der Umweltwissenschaftler Michael Kopatz für eine alltägliche „Ökoroutine“ ein ( Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten, München 2018 ), die Ökonomin Kate Raworth für einen ökologischen Paradigmenwechsel in Unternehmenskultur, Wirtschafts- und Finanzpolitik ( Die Donut-Ökonomie, München 2018 ). Der Ökonom Niko Paech plädiert für eine „Kultur des Genug“ ( All you need is less, München 2020, mit Manfred Folkers ), die Transformationsforscherin Maja Göpel für einen grundlegenden Sinneswandel im ökonomischen und politischen Denken ( The Great Mindshift, Berlin 2016 ). Der Sozialpsychologe Harald Welzer variiert seit Jahren in zahllosen Publikationen und Gesprächen das Motiv der gesellschaftlichen Transformation hin zu einer zukunftsfähigen „reduktiven Moderne“; der Wirtschaftswissenschaftler Uwe Schneidewind hat als Leiter des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie ein umfassendes Programm für eine wissenschaftlich fundierte „Zukunftskunst“ vorgelegt ( Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels, Frankfurt a.M. 2018 ). Einen besonders weiten historischen Bogen spannen der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ( Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff, München 2015 ) und der Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker in seinem Bericht an den Club of Rome (s.u., Fußnote 11): Für sie stößt mit der Klimakrise das gesamte Projekt der europäischen Aufklärung und die Naturbeziehung des modernen Menschen an ihre Grenzen und muss um des Überlebens der Menschheit willen revidiert werden. (zurück)

3) Mathis Wackernagel, zit. nach Bernd Sommer / Harald Welzer: Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München 2017, 27. Das Originalzitat bezieht sich nicht auf den innermusikalischen sondern auf den ökologisch-ökonomischen Paradigmenwechsel. (zurück)

4) Reinhard Loske: Politik der Zukunftsfähigkeit. Konturen einer Nachhaltigkeitswende, Frankfurt a.M. 2015, S. 99f (zurück)

5) Ich verdanke dieses Beispiel dem Impulsvortrag von Philipp Spiegel zur „Zukunftswerkstatt Musik und Klima“ am 17.1.2020 in Hamburg. (zurück)

6) Vgl. Joseph Huber: „Ökologische Modernisierung und Umweltinnovation“ in: Matthias Groß (Hg.): Handbuch Umweltsoziologie, Wiesbaden 2011, S. 291. (zurück)

7) Al Gore: Wir haben die Wahl. Ein Plan zur Lösung der Klimakrise, München 2009, S. 135 (zurück)

8) Vgl. New York Times vom 9.7.2007. (zurück)

9) Zur Notwendigkeit von Aufklärung bei der Kreislaufwirtschaft vgl. Verbraucherzentrale Bundesverband e. V.: Kreislaufwirtschaft – Die Weichen richtig stellen (zurück)

10) Vgl. Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, Berlin 2016. Für den Hinweis auf dieses Buch sowie auf den in Fußnote 6 genannten Aufsatz danke ich der Umweltsoziologin Luise Butzer. (zurück)

11) Vgl. Weizsäcker, Ernst Ulrich / Wijkman, Anders et al.: Wir sind dran. Was wir ändern müssen wenn wir bleiben wollen. Gütersloh 2017, S. 35. (zurück)

12) A.a.O., S. 186 (zurück)

13) Vgl. Earth Song von Michael Jackson (1995) und Earth von Lil Dicky (2019). Zum letztgenannten Titel siehe auch das Gesprächsvideo hier auf dieser Seite (31’11’')
(zurück)

14) Jan Haft: Das grüne Wunder (Dokumentarfilm von 2012). Richard Powers: Die Wurzeln des Lebens (Roman von 2018). (zurück)

15) Siehe https://www.youtube.com/watch?v=rgvadprJFRc (zurück)

16) Vgl. etwa die Spiegel-Artikel vom 6. Juli und 7. Juli 2007. (zurück)

17) Vgl. hierzu ausführlich Cordula Heupts / Tuba Isik / Bernhard König: Singen als interreligiöse Begegnung. Musik für Juden, Christen und Muslime, Paderborn 2016, S. 81-93 (zurück)

18) Vgl. Catherine Bottrill et al. (2008): First Step. UK Music Industry Greenhouse Gas Emissions for 2007, hg. von Julie’s Bicycle in Kooperation mit dem Invironmental Change Institute der University of Oxford (zurück)

19) Vgl. Kyle Devine: Decomposed. The political ecology of music, London 2019(zurück)

20) Vgl. Bernhard König, Monteverdi und der Klimawandel (zurück)

21) Vgl. India Today vom 17.1.2017 (zurück)

22) Vgl. Bernhard König: Musik auf Abstand: Singen im Freien, nmz-online, 25.8.2020 (zurück)

Teile des hier vorliegenden Artikels erschienen erstmals 2019 im Auftrag des Goethe-Instituts e.V. im Intranet des Goethe-Instituts.